Neuanfänge – Das weiße Blatt Papier

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Ein neues Jahr hat gerade begonnen. Vielleicht hast du ja, genau wie ich und viele viele andere Menschen, gute Vorsätze für dieses Jahr gefasst und dir einige Dinge neu vorgenommen. Eine ganze Menge dieser guten Vorsätze werden in den kommenden Wochen und Monaten scheitern. Trotzdem ist es immens wichtig, dass wir anfangen. Wir legen damit unseren Kurs, unsere Richtung fest. Leider verlieren wir unsere Neuanfänge und guten Vorsätze viel zu schnell aus den Augen. Der Alltag kommt dazwischen und schwupps, stecken wir wieder in unseren alten Routinen fest. In diesem Artikel beleuchte ich, warum das so ist und was du dagegen machen kannst.

Die Zeit für Neuanfänge

Ein neues Jahr ist für die meisten Menschen auch eine Zeit des Neuanfangs. Ein ganzes Jahr liegt vor uns – voller ungeahnter Möglichkeiten. Vielleicht haben wir eine Ahnung, was das Jahr bringt, aber ob das auch tatsächlich zutreffen wird, wissen wir nicht. Das neue Jahr ist eine unbekannte Größe. Aber wir können es beeinflussen. Viele Menschen nutzen den Jahreswechsel für gute Vorsätze, um neue Gewohnheiten in ihrem Leben zu etablieren. Auch ich habe einige Vorsätze für 2023 gefasst. Einer davon ist, dass ich anfangen möchte, regelmäßig zu bloggen. Außerdem möchte ich mehr Sport machen, vor allem wieder mit Yoga starten.

Selbstverständlich kann ich dies auch zu jeder anderen Zeit im Jahr machen – aber der Beginn eines neuen Jahres oder auch der Geburtstag als Start in ein neues Lebensjahr sind natürliche Schwellen und bieten sich daher an. Das neue Jahr liegt dann vor uns wie ein unbeschriebenes Blatt. Genau dieses leere weiße Blatt kann aber auch zum Problem werden. Oder zur Hürde. Denn wir möchten es nicht versauen. Das, was wir auf das Blatt bringen, soll – so die Erwartung – von Anfang an perfekt sein. Dies führt jedoch oft zu Hemmungen und Schwierigkeiten, überhaupt anzufangen.

Weiße leere Blätter Papier
Vor mir liegen mehrere weiße Blätter - und ich komme nicht weiter.

Auch ich hatte eben diese Herausforderung, nachdem ich mir eine neue Datei für diesen Blogartikel geöffnet hatte. Ich hatte zwar kein weißes Stück Papier, aber mein Bildschirm war ganz weiß. Ich saß davor, habe auf den weißen Bildschirm geschaut und mir fiel zunächst absolut nichts ein. Unter Schriftstellern ist dieses Phänomen auch als “Writer’s Block” bekannt, zu deutsch Schreibblockade. Und sie ist auch nicht auf Schriftsteller beschränkt. Sie trifft auch Schüler in der Klausur, Berufstätige die eine Email schreiben wollen oder eben auch Blogger. Und sicher noch viele andere.

3 Gründe für unsere Startschwierigkeiten

Es gibt mehere Gründe, warum uns der Anfang manchmal schwer fällt. Diese können einzeln oder auch in Kombination auftreten.

Als erstes ist da der oben schon beschriebene Hang zum Perfektionismus zu nennen, der vor allem bei uns Frauen weit verbreitet ist. Aber auch unser Bedürfnis, das makellose Weiß zu erhalten, spielt eine Rolle. Dabei geht es nicht nur um ästhetische Gesichtspunkte. Und es betrifft auch nicht nur das Schreiben und das Weiß des Papiers. Jedoch ist dies ein schönes Beispiel.

Was also steckt dahinter? Das unbeschriebene Blatt ist ein Symbol dafür, dass wir noch alle Möglichkeiten offen haben. Haben wir jedoch erst einmal eine Entscheidung gefällt und sind in der entsprechenden Richtung losgegangen, ist dies gleichzeitig eine Entscheidung gegen andere Wege, Ideen, Möglichkeiten. Letztlich steckt dahinter die Angst, dass unsere Entscheidung falsch ist.

Wie vermeide ich falsche Entscheidungen?

Kurz gesagt: Gar nicht! Das schlimmste, was ich tun kann, ist mich nicht zu entscheiden. Denn dann treffen andere die Entscheidung für uns. Wir werden dann durch die Umstände oder andere Personen gelenkt, welche uns vielleicht in ihrem Sinne beeinflussen wollen. Und dies ist in den allermeisten Fällen nicht zu unserem Besten. Viel sinnvoller ist es daher, selber eine Entscheidung zu treffen. Ich schaue mir die Fakten an, recherchiere vielleicht noch und lausche auf mein Bauchgefühl. Je größer und wichtiger mir die Weggabelung erscheint, umso mehr Zeit investiere ich, die “richtige” Entscheidung zu treffen. Wohl wissend, dass es keine Garantie gibt.

Ein dritter Grund ist die

Angst vor der Veränderung

Unser Unterbewusstsein hat etwas gegen Veränderung. Neues wird vom Unterbewusstsein skeptisch und mit Argwohn gesehen – und am liebsten gar nicht. Einfach weil es unbekannt ist. Diese Seite des Unterbewusstseins ist auch als der innere Schweinehund berühmt-berüchtigt. Und sie hat auch einen konkreten Hintergrund, welcher allerdings noch aus der Zeit stammt, als wir als Jäger und Sammler durch die Gegend zogen. Das höchste Ziel unseres Unterbewusstseins ist es, uns am Leben zu halten. Bei Neuem wissen wir nicht, was uns erwartet.

Versetz dich einfach mal 30.000 Jahre zurück in die Zeit der Neandertaler. Du ziehst mit deiner Sippe durch die Gegend und ihr findet eine Pflanze, die keiner von euch kennt. Sie sieht sehr schön und vor allem sehr lecker aus. Aber ist es wirklich eine gute Idee, sie einfach zu essen? Natürlich nicht, denn sie könnte ja giftig sein.

Die Angst vor der Veränderung

Daher hat es damals durchaus Sinn gemacht, neue Dinge mit Vorsicht und Argwohl zu betrachten. Das Alte hingegen ist vertraut und wir haben es in der Vergangenheit überlebt. Offensichtlich, denn sonst wären wir jetzt nicht mehr hier. Daher sind die Chancen hoch, dass wir unter diesen Umständen auch in Zukunft überleben werden. Unser Unterbewusstsein funktioniert noch immer nach dem Prinzip von vor 30.000 Jahren. Das das Halten einer Präsentation oder das Schreiben eines neuen Blogartikels nicht lebensgefährlich ist, spielt dabei keine Rolle. Es ist neu und daher wird das entsprechende alte Programm in unserem Inneren abgespult. Auch ob wir mit der Situation zufrieden sind oder sogar glücklich, ist erstmal zweitrangig.

Weil die Zeit der Neandertaler doch schon etwas länger her ist und damit das obige Beispiel vielleicht etwas abstrakt bleibt, gebe ich dir hier noch ein aktuelleres aus meinem Leben. Vor einer geraumen Zeit steckte ich in einer Beziehung fest, welche schon über sieben Jahre andauerte. Wir hatten uns ein Leben zusammen aufgebaut, jedoch merkte ich immer mehr, dass ich unzufrieden war. Alle Versuche meinerseits, etwas zu ändern um die Beziehung zu retten, brachten nichts. Irgendwann war mir klar, dass ich mich entscheiden muss – für mich oder für die Beziehung. Doch obwohl ich das erkannt hatte, brauchte ich noch fast ein ganzes Jahr, bis ich mich getrennt habe. Einfach weil ich Angst hatte vor der Veränderung, hauptsächlich vor dem Alleinsein. Im Nachhinein war es überhaupt kein Problem und meine Angst stellte sich als völlig unbegründet heraus. Im Gegenteil, ich habe mich gefragt, warum ich den Schritt nicht schon viel eher gemacht habe. Und trotz dieser Erfahrung habe ich in den letzten Jahren an einem Job festgehalten, der mich ausgelaugt und krank gemacht hat. Auch hier habe ich viel zu lange gebraucht, bis ich bereit war etwas zu verändern und mich getraut habe, meine Gesundheit höher zu bewerten als die vermeintliche Sicherheit (m)einer Festanstellung.

Unser Unterbewusstsein ist halt sehr viel mächtiger, als uns oft bewusst ist. Über die Macht der Emotionen und wie du damit umgehen kannst, habe ich bereits in einem der letzten Beiträge geschrieben.

Den inneren Schweinehund überlisten

Aber was ist denn nun mit meinen Vorsätzen? Wenn das Unterbewusstsein es so schwierig macht, etwas Neues anzufangen? Die traurige Realität ist, dass knapp die Hälfte der guten Vorsätze den ersten Monat nicht überlebt, ein weiteres Drittel schläft in den Monaten danach ein. Der Grund ist meist, dass wir zu schnell zu viel wollen. Denn je größer die Veränderung, umso mehr wird sie vom Unterbewusstsein boykottiert. Wenn ich bisher keinen Sport gemacht habe und mir nun vornehme, jeden Tag in der Woche mindestens eine Stunde ins Fitness-Studio zu gehen, wird es nur wenige Male dauern, bis etwas dazwischen kommt oder wir eine andere Entschuldigung finden, dies nicht zu tun. Daher sollten wir lieber ein kleineres Ziel wählen, bei dem unser Unterbewusstsein weniger Grund hat, sich dagegen zu wehren. Statt also direkt jeden Tag 100 Liegestütze oder 2 Stunden Yoga machen zu wollen – mein innerer Schweinehund protestiert schon bei dem bloßen Gedanken daran – fange ich lieber mit 5 Stück oder Minuten an. Dies aber dafür regelmäßig. Und wenn ich das eine Woche gemacht habe, kann ich auf 10 erhöhen. Und eine Weile später auf 15 oder 20. Und so weiter. Irgendwann habe ich dann meine 2 Stunden erreicht. Aber da ich meine Grenzen immer nur ganz wenig überschreite, hat mein Unterbewusstsein keinen Grund, Alarm zu schlagen.

Der innere Schweinehund. Es ist schwer, ihm zu widerstehen.

Diese Methode funktioniert jedoch nicht für alle Neuanfänge. Schliesslich kann ich mich nicht ein bisschen trennen oder nur etwas kündigen. Daher möchte ich dir hier noch eine weitere Herangehensweise vorstellen: Überlege dir, ob du schon einmal etwas Vergleichbares gemeistert hast. Dies kann auch in einem anderen Lebensbereich gewesen sein. So kannst du beispielsweise Erfahrungen von deinem Hobby auf den Beruf übertragen.

Als es bei mir vor einigen Jahren darum ging, ob ich in der Abteilung ein größeres Projekt übernehmen möchte, hatte ich zunächst Angst und Bedenken. Würde ich das schaffren? Und was, wenn nicht? Sollte ich nicht doch lieber ablehnen? Solche und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Dann jedoch erinnerte ich mich, dass ich früher mal Modellbau als Hobby betrieben habe. Nicht mit fertigen Bausätzen, sondern ich hatte wirklich bei Null, also mit der Recherche angefangen und mein ausgewähltes Vorbild dann aus Sperrholz- oder Kunststoffplatten nachgebaut. Mit einem meiner Modelle, für welches ich über ein Jahr benötigt hatte, gewann ich sogar einen Preis. Ich hatte diese Tätigkeit nie als Projekt gesehen, aber letztlich war es ja nichts anderes. Wenn ich also ein Projekt im Hobbybereich bewältigen konnte, warum sollte ich es dann im beruflichen Kontext nicht auch können.

Zusammenfassung: Den Anfang erleichtern

Das klingt ja soweit alles logisch und vielleicht denkst du jetzt, ist ja klar, weiß ich doch alles. Aber wissen und umsetzen ist nicht dasselbe. Auch ich weiß das alles – irgendwie logisch, sonst hätte ich diesen Beitrag nicht schreiben können. Trotzdem tappe ich immer mal wieder in die stark-anfangen-und-dann-stark-nachlassen-Falle. Darüber habe ich sogar in meinem Jahresrückblick für 2022 berichtet.
Der Trick bei Neuanfängen ist also, den inneren Schweinehund zu berücksichtigen und mitzunehmen. Dies erreiche ich am einfachsten, wenn ich sie für mich selbst nicht so groß, überwältigend und neu erscheinen lasse.

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